Patric Marino

Patric Marino wurde 1989 geboren – die folgenden Zeilen spiegeln den Blick des Autors auf sich selbst.

Meine Italien-Biografie beginnt mit meinem Nonno.
Wir waschen unter der Pergola Nonnos Panda, ich putze die Scheiben, die Scheibenwischer hochgeklappt. Auf der anschliessenden Rundreise kratzen sie über die Scheibe, man hat uns die Wischerblätter gestohlen. Dies ist eine meiner frühsten Erinnerungen an Kalabrien, auch von diesen Ferien im Sommer 1999 gäbe es eine Wand voller Fotos und Geschichten: mit Nonna und Ali Baba, dem aufblasbaren Drachen, auf dem Feigenbaum, im Tigerkäfig. Ich war zehn, für mich waren es einfach Ferien am Meer, wie in anderen Jahren auf Kreta oder in der Bretagne, ich verstand weder die Sprache noch die Geschichte des Heimatortes meiner Nonni. Nach den Ferien schrieb ich in der Schule eine Top Ten der Sehenswürdigkeiten, Guardavalle war nicht darunter.

Zehn Jahre später reiste ich erstmals ohne meine Eltern nach Guardavalle, wo meine Nonni die Sommermonate verbringen. Mittlerweile sprach ich italienisch mit ihnen, Nonno erzählte mir drei Wochen lang Geschichten: von seiner Kindheit, von Kalabrien, vom Käsen und Kaktusfeigen-Wettessen. Während des Studiums am Literaturinstitut in Biel schrieb ich Nonnos Geschichten und meine Eindrücke auf, reiste jeden Sommer nach Kalabrien, schaute und hörte noch genauer hin, schrieb weiter. So ist in drei Jahren und nach sechs Reisen eine Sammlung von Geschichten entstanden.

Und so beginnt auch meine Italien-Bibliografie mit meinem Nonno:
Nonno spricht. Erzählung. Lokwort, 2012.
Ein Schuss in den Kopf der ’Ndrangheta. Hörspiel. SWR2, 2013.
Der vergessene Palast. Reportage. NZZ am Sonntag, 2014.
Die Grenzgänger. Reportage. Das Magazin, 2014.
Salami. Kurzgeschichte. Transhelvetica, 2015.
Die Astronauten. Oli Kuster (Musik) und Patric Marino (Text, Stimme). CD. robotpet/Irascible, 2015.

Als ich nach Erscheinen meines Buches erstmals wieder nach Kalabrien reiste, hatte ich Angst, von der Wirklichkeit enttäuscht zu werden. Und merkte, dass die reale und die literarische Welt unabhängig voneinander existieren. Seither lausche ich Nonnos Geschichten wieder für mich, nicht für die Literatur – und habe auch Nonnas Polpette für mich gegessen und kein Nonna-Kochbuch geschrieben. Stattdessen habe ich in Reportagen und einem Hörspiel gesellschaftliche Phänomene in Italien dokumentiert, Migration, Mafia und Salami. Die Songs für das Astronauten-Album entstanden zum Teil während eines Atelieraufenthalts in Genua, sie berichten von einem jungen, im Wandel begriffenen Italien. Selbst vom Weltraum aus fällt mein Blick nach Süden. …