Jakob Christoph Heer

Jakob Christoph Heer (1895–1925) gilt neben Ernst Zahn als erfolgreichster Vertreter des sogenannten Schweizer Heimatromans, jenem Genre, das in realistischer Erzählweise den Konflikt zwischen alter und neuer Zeit inszenierte, um meist in einem verklärenden Plädoyer für die Tradition zu enden. Zu den erfolgreichsten Büchern des ehemaligen Zürcher Lehrers und Redaktors der Neuen Zürcher Zeitung und der deutschen Zeitschrift Die Gartenlaube gehören An heiligen Wassern (1898), Der König von Bernina (1900), Joggeli (1902) und Tobias Heider (1922). Während letztere Kindheit und Werdegang beschreiben, schildert der Autor in ersteren den Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Fremdenverkehr und den Einbruch der modernen Technik in eine traditionsverhaftete, unberührte Welt. Die Romane wurden in verhältnismässig grossen Auflagen gedruckt und Heer konnte ab 1902 als freier Schriftsteller leben – eine Seltenheit zu jener Zeit. Mit seinen literarischen Bildern aus der schweizerischen Bergwelt trug Heer ausserdem zur Etablierung des Alpentourismus bei.

Über allfällige Italienreisen Jakob Christoph Heers ist wenig bekannt. Eine der ersten Buchpublikationen des Schriftstellers war allerdings ein touristisch motivierter Reisebericht mit dem Titel Ferien an der Adria (1888). Im Laufe der Jahre publizierte Heer weitere Reiseliteratur zur Schweiz, zum Deutschen Reich, zu Österreich und Liechtenstein. Ferien an der Adria blieb Heers einzige literarische Beschreibung Italiens. Wie der Untertitel Bilder aus Süd-Österreich verrät, beschränkte sich das Werk auf die Betrachtung des nördlichen Italiens rund um die Gegend von Triest, mit Fokus auf den ländlichen Regionen. Der Reisebericht wurde 1918 vom Huber Verlag in Frauenfeld mit 4’000 Exemplaren zum dritten Mal aufgelegt. Im aktualisierten Vorwort äusserte der Schriftsteller die Vermutung, das neue Interesse an seinem Buch hänge mit dem Krieg und den Isonzoschlachten zusammen, hatten diese doch die beschriebene Gegend in die Schlagzeilen gebracht.

Ebenfalls 1918 erschien Heers Roman Heinrichs Romfahrt. Trotz der historischen Verortung gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind diesem die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges bereits eingeschrieben. Der heute vergessene Roman erzählt von einem Italien-Erlebnis, das in einer Desillusionierung mündet und die Tradition Deutscher Italien-Schwärmerei als idealistisches Traumgebilde entlarvt. Es ist der Goethe-Kult, der den Germanistikstudenten Heinrich aus Tübingen nach Rom zieht. Allerdings erreicht die Titelfigur, deren Name nicht die einzige intertextuelle Anspielung auf Gottfried Kellers Grünen Heinrich ist, die Ewige Stadt nie. Heinrichs Reise endet bereits in Altanca, dem ersten italienischsprachigen Dorf im Tessin. Dort wird der Protagonist nach einer symbolischen Initiation am Ritomsee in eine hindernisreiche Liebesgeschichte verwickelt, die in einer Enttäuschung endet. Der Antagonismus Nord-Süd ist der Figurenkonstellation genauso eingeschrieben wie dem Kontrast zwischen modernen und traditionellen Lebensformen. Das abseits der konventionellen Route nach Italien gelegene Altanca erscheint nicht in erster Linie als armes Bergdorf im Tessin, sondern als prototypischer Ort des Südens. Allerdings hält das verklärte Bild Heinrichs dem Alltagstest nicht stand, im Gegenteil: Die üblichen Sehnsuchtsvektoren, welche die Menschen in den Süden ziehen, wirken hier in umgekehrter Richtung, so dass Heinrich in den Norden zurückkehrt. Nach seiner Heimkehr erkennt er, dass das Italien seiner Sehnsucht nur noch in der Literatur existiert. Darüber hinaus thematisiert Heer in Heinrichs Romfahrt lokalpolitische Aspekte wie den einsetzenden Tourismus und den Bau des Gotthard-Bahntunnels.

Quellen

  • Dominik Müller, Zerstörte Südlandträume nach dem Ersten Weltkrieg. Jakob Christoph Heers Roman ‹Heinrichs Romfahrt›, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 107–127.
  • Eintrag zu Jakob Christoph Heer im Historischen Lexikon der Schweiz, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011924/2007-11-29/ (4.7.2019).
  • Peter Rusterholz (Hg.), Schweizer Literaturgeschichte, Stuttgart: J.B. Metzler, 2007.
  • Eintrag zu Jakob Christioph Heer in Deutsche Bibliographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118773593.html#ndbcontent (4.7.2019).