Joseph Viktor Widmann

Joseph Viktor Widmann (1842–1911) kam in Mähren zur Welt. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er im Pfarrhaus von Liestal, wo sein Vater Joseph Otto Widmann, ein ehemaliger Zisterziensermönch aus dem Stift Heiligenkreuz, reformierter Stadtpfarrer war. Auch sein Freund Carl Spitteler verkehrte damals oft in diesem Haus. Nach dem Schulbesuch in Liestal und Basel studierte Widmann evangelische Theologie und Philosophie in Basel, Heidelberg und Jena. 1868 wurde er Direktor einer Mädchenschule in Bern, trotz grosser Beliebtheit bei Schülerinnen und Kollegen wurde sein Vertrag jedoch nicht verlängert. Ab 1880 bis zu seinem Tod war Widmann Feuilletonredaktor bei der Berner Tageszeitung Der Bund, von 1881 an leitete er ausserdem das Sonntagsblatt. Dessen Feuilleton macht er zu einem Diskussionsforum politischer und sozialer Fragen. Um die Jahrhundertwende war Widmann führender Literaturkritiker und Feuilletonist der Schweiz, er entdeckte und förderte u.a. Maria Waser, Ricarda Huch, Robert Walser und Hermann Hesse. Fruchtbar sind seine Freundschaften mit Gottfried Keller, Carl Spitteler und Johannes Brahms, letzterer war Widmanns Begleiter auf drei seiner Italienreisen. Regelmässig schrieb er auch Artikel für andere Zeitungen, u.a. für die Wiener Neue Freie Presse.

Neben seiner Tätigkeit als Redaktor, Feuilletonist und Kritiker betätigte sich der vielseitige Widmann auch als Schriftsteller. Sein umfangreiches, eher epigonales und heute weitgehend in Vergessenheit geratenes literarisches Werk umfasst Texte in Prosa, Theaterstücke und einen Band Lyrik; ausserdem widmete er sich intensiv der Reiseschriftstellerei.

Widmanns Italienbegeisterung führte ihn bereits 1865 zum ersten Mal über den Gotthard. Von 1865 bis 1903 sind insgesamt sieben Italienreisen dokumentiert:

  • 1865, Herbst: Hochzeitsreise mit Sophie Brodbeck an die oberitalienischen Seen, Aufenthalt auf der Isola Bella
  • 1879, Herbst: Reise nach Italien bis Neapel
  • 1888, Mai: Erste Reise mit Brahms bis Rom
  • 1890: Zweite Reise mit Brahms in Oberitalien
  • 1893, März/April: Dritte Reise mit Brahms nach Sizilien
  • 1902, April: Reise nach Como/Mailand
  • 1903, April: Reise nach Süditalien, u.a. Cosenza, Reggio Calabria, Caserta

Widmanns Italienbegeisterung bewegt sich einerseits entlang der bekannten Pfade des 19. Jahrhunderts: Kunst, Architektur, Schönheit der Landschaft, Begeisterung für das Volk und den südlichen Lebensstil gehören zu den intensiv rezipierten Wahrnehmungskategorien. Darüber hinaus erweist er sich andererseits auch als an der politischen, sozialen und kulturellen Realität des neu geeinten Staates interessiert: In zahlreichen Feuilletons äussert er sich über politische, soziale und kulturelle Fragen. Somit beschreitet Widmann neue Wege in der Italienrezeption, die über das gängige Muster des 19. Jahrhunderts in der Nachfolge Goethes und der Romantiker hinausgehen.

Widmann hielt ab 1881 seine Italienerfahrungen in mehreren Reisebüchern und in einigen wenigen fiktionalen Werken fest, hier eine Auswahl: Rector Müslins italiänische Reise, Zürich: Verlag Caesar Schmidt, 1881; praktisch identische Ausgabe unter dem Titel Rektor Müslin in Italien, Basel u.a.: Im Rhein-Verlag,1924; Jenseits des Gotthard. Menschen, Städte und Landschaften in Ober- und Mittelitalien, Frauenfeld: Huber, 1888; Sizilien und andere Gegenden Italiens, Reiseerinnerungen, Frauenfeld: Huber, 1897; Calabrien-Apulien und Streifereien an den oberitalienischen Seen, Frauenfeld: Huber, 1904; Du schöne Welt! Neue Fahrten und Wanderungen in der Schweiz und in Italien, Frauenfeld: Huber,1907; Aus dem nördlichen und östlichen Italien, in: Jenseits des Gotthard, Frauenfeld: Huber, 41913.

Die Mehrzahl der in Buchform veröffentlichten Texte erschien zunächst als Reiseberichte im Feuilleton des Berner Bund, oft in Fortsetzungen bis zu 15 Folgen.

Quellen

  • Corinna Jäger-Trees, «Irdisches Vergnügen in Gott». Zwischen Mythos und Realität – Joseph Viktor Widmanns Italienreisen, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 39–56.
  • Elsbeth Pulver und Rudolf Kaeser (Hg.), Ein Journalist aus Temperament. Josef Viktor Widmann. Ausgewählte Feuilletons, Bern: Zytglogge, 1992, S. 301–304.
  • Joseph Viktor Widmann, Du schöne Welt. Wanderungen und Reisen in Italien und in der Schweiz, bearbeitet und mit Ergänzungen versehen von René P. Moor, Burgistein: Edition Wanderwerk, 2017, S. 271–279.
  • Maria Waser, Joseph Victor Widmann. Vom Menschen und Dichter, vom Gottsucher und Weltfreund, Frauenfeld u.a.: 1927.
  • Eintrag zu Joseph Viktor Widmann auf Literapedia, https://www.literapedia-bern.ch/Widmann,_Joseph_Viktor (12.8.2019).
  • Eintrag zu Joseph Viktor Widmann im Personenlexikon Basel Landschaft, https://personenlexikon.bl.ch/Josef_Viktor_Widmann (12.8.2019).
  • Nachlass Joseph Viktor Widmann in der Burgerbibliothek Bern.
  • Sammlung Joseph Viktor Widmann im Dichtermuseum Liestal.