Heinrich Federer

Heinrich Federer (1866–1926) verbrachte seine ersten Lebensjahre in Brienz und siedelte dann mit der Familie nach Sarnen über. Von 1888 bis 1992 widmete er sich dem Studium der Theologie, nach der Priesterweihe 1883 übernahm er eine Kaplanstelle in Jonschwil (bis 1899). Von 1899–1902 hatte er eine Stelle als Redaktor bei den katholischen Zürcher Nachrichten und als Spiritual im Elisabethenheim an der Mühlebachstrasse in Zürich inne. Er freundete sich mit Josi Magg an und verbrachte erstmal die Sommerferien im Tessin.

1902 folgten die Verhaftung wegen Verdachts auf «unzüchtige Handlungen mit einem Minderjährigen» und Untersuchungshaft. Das Urteil wurde zwar in zweiter Instanz auf den Tatbestand «ärgerniserregenden Benehmens» gemildert, Federer blieb dennoch von allen kirchlichen und den meisten sozialen Bindungen abgeschnitten. Es begann eine äusserst entbehrungsreiche Zeit, bis er sich 1911 mit dem Erfolg des Romans Berge und Menschen als Schriftsteller etablieren konnte. In der zweiten Hälfte der 1910er-Jahre war Federer aufgrund seiner grossen Schweizer Romane als Autor etabliert und als Zivilperson rehabilitiert. Bis zu seinem Tod lebte er als ein in breiten Kreisen bekannter und hoch geschätzter Autor in Zürich.

In die schwierige Lebensphase der zivilen Ächtung hinein fielen Federers vier Italienreisen, aus denen er bis zu seinem Tod Stoff für literarische und feuilletonistische Arbeiten schöpfte. Eine letzte, wenig dokumentierte, folgte acht Jahre später:

  • 1903, Mitte Juli bis Anfang August: Erste Italienreise in Begleitung von Josi Magg mit Besuch von Genua, Venedig, Parma, Bologna und Florenz.
  • 1904, Mitte Juli bis Anfang August: Zweite, alleine unternommene Italienreise mit Station in Venedig, Rom und – vor allem – Florenz.
  • 1905, 14. Juli bis 2. August: Dritte Italienreise, erneut mit Josi Magg, mit Aufenthalten in Siena, Parma, Florenz und Rom inkl. Audienz bei Papst Pius X.
  • 1906, Sommer: Längerer Aufenthalt in Italien, vor allem in Umbrien.
  • 1914, Ostern: Reise nach Rom.

Die ersten Texte mit Italien-Bezug als Folge der Reisen ins südliche Nachbarland – es handelte sich dabei um Geldarbeiten zur Milderung der äusserst prekären materiellen Lage nach dem Verlust der Stelle – wurden 1907/1908 publiziert. Die Reisebriefe Durchs heißeste Italien – die literarische Verarbeitung der ersten drei Italienreisen – erschienen in Alte und Neue Welt (42. Jg.). Ebenfalls 1908 verfasste Federer Texte für den Bildband Der heilige Franz von Assisi von FritzKunz (München, 1908); es ist die erste schriftstellerische Auseinandersetzung mit dem Poverello, mit dem sich Federer in dessen naturnaher, allem Materiellen fernstehenden Lebensweise nahe verwandt fühlte. In den Jahren 1909/1910 erschienen die Umbrische Wanderbilder, die erste Frucht des Sommers 1906, als Fortsetzung in Efeuranken (20. Jg.).

Zwischen 1911 und 1924 griff Federer für seine journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten einerseits nach wie vor auf seine – im Verhältnis zum Umfang der literarischen Produktion kurzen – Italien-Erlebnisse und -Erfahrungen zurück, andererseits verfolgte er als Chronist die politischen und kulturellen Geschehnisse in Italien, was eine grössere Anzahl Artikel z.B. über die italienische Literatur zur Folge hatte. Es wurden ausserdem zahlreiche Reiseberichte sowie die bekannten Italien-Novellen publiziert – insgesamt eine erstaunlich umfangreiche literarische Produktion.

Federer erwies sich bereits in den frühen Texten als akkurater Beobachter nicht nur von Italiens Kunstschätzen, sondern vor allem auch der historischen, kulturellen, sozialen und politischen Gegebenheiten der bereisten Gegenden. Sein Augenmerk lag ausserdem auf der Bevölkerung Italiens, seine Wertschätzung galt vor allem den Menschen im ländlichen Umbrien, die ihm in ihrer Einfachheit und Naturverbundenheit nahestanden: Das «wahre Italien» ist gemäss Federer in Umbrien zu finden.

Federers literarisches und publizistisches Schaffen mit Italien-Bezug wurde Zeit seines Lebens intensiv rezipiert, so dass bereits ab 1917 diverse Wiederabdrucke und neu zusammengestellt Ausgaben auf den Markt kamen. In den 1930er-Jahren fanden sodann einige Texte in italienischer Übersetzung sogar Eingang in eine faschistisch ausgerichtete Publikationsreihe (vgl. Beitrag Anna Fattori, im Buch S. 75-106). Mit den Gesammelten Werken (Grote, Berlin, 1931–1935) sowie der Leseausgabe im Luzerner Rex Verlag (1944–1946), welche in Auswahl auch Italien-Texte enthalten, wurde die Publikation von Federers Werken zu Italien vorläufig abgeschlossen.

Quellen

  • Anna Fattori, «Ein […] Eidgenosse […] wird das Käppi lüften. Alle Achtung!» Zu Heinrich Federers Beziehung zur italienischen Landschaft und Kultur. Mit einem Anhang über Federers Rezeption im Faschismus, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 75–106.
  • Heinrich Federer, In und um Italien, hrsg. von Anna Fattori, Corinna Jäger-Trees und Simon Zumsteg, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 43, Zürich: Chronos, 2015, insbes. Nachwort S. 295–340.
  • Sigisbert Frick, Heinrich Federer und Italien, Basel: Verlage Hesse, 1949.
  • Eintrag zu Heinrich Federer auf Bibliomedia, http://www.svbbpt.ch/de/autoren/Federer_Heinrich/166.html (10.8.2019).
  • Nachlass Heinrich Federer, Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern.
  • Sammlung Kindlimann zu Heinrich Federer, Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern.