Max Frisch

Max Frisch (1911–1991) wuchs in Zürich als Sohn eines Architekten auf. Nach frühzeitiger Beendigung des Studiums der Germanistik arbeitete er als freier Mitarbeiter der Neuen Zürcher Zeitung und wagte erste schriftstellerische Versuche. Der nach eigenen Einschätzungen missglückte Roman Antwort aus der Stille (1937) und die Unsicherheit der materiellen Existenz veranlassten ihn allerdings dazu, seine literarischen Ambitionen vorerst aufzugeben. Ab 1936 studierte Frisch an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Architektur und eröffnete 1942 sein eigenes Architekturbüro. Im selben Jahr heiratete er seine erste Ehefrau Gertrud von Meyenburg, mit der er drei Kinder hatte. Schon bald nahm Frisch das literarische Schreiben wieder auf. Er verfasste verschiedene von der Stimmung der Nachkriegszeit geprägte Theaterstücke. Seine Reisen durch das vom Krieg zerstörte Europa fanden Niederschlag im Tagebuch 1946–1949, worin zahlreiche Motive der späteren Werke bereits angedacht waren. 1954 gelang dem Autor mit dem Roman Stiller der endgültige Durchbruch – ein Jahr später löste Frisch sein Architekturbüro auf und lebte fortan als freier Schriftsteller. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche seiner Dramen uraufgeführt und es erschienen mit Homo faber (1957) und Mein Name sei Gantenbein (1964) weitere Romane, die Frisch zum Weltruhm verhalfen. Wie Stiller thematisieren auch sie die Problematik der Akzeptanz des eigenen Ichs. Der mit diversen Ehrendoktorwürden ausgezeichnete mehrfache Literaturpreisträger gehört gemeinsam mit Friedrich Dürrenmatt zu den bedeutendsten und am häufigsten übersetzten Schweizer Schriftstellern des 20. Jahrhunderts.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges reiste Frisch nach Italien. Im Tagebuch 1946–1949 erscheint er als verzauberter Betrachter sowohl der Landschaft als auch der Bevölkerung des südlichen Nachbarlandes. Zwar nahm Frisch Italien durchaus als zerstörtes, verwundetes Land wahr, er schilderte aber gleichzeitig mit grosser Bewunderung die italienische Bevölkerung, die trotz Armut und Arbeit würdevoll und zufrieden im Hier und Jetzt lebte.
Rund fünfzehn Jahre später zog es Frisch erneut nach Italien, nun für längere Zeit: Von 1960–1965 hielt er sich in Rom auf, «der herrlichsten Stadt der Welt», wie er zu Beginn seines Aufenthalts euphorisch zu sagen pflegte (Franz Haas, Wozu das Exil?, in: Neue Zürcher Zeitung, 6.6.2002). In der italienischen Hauptstadt lebte er gemeinsam mit Ingeborg Bachmann, die er 1958 in Paris kennengelernt hatte. Die dramatisch verlaufende Beziehung zwischen den beiden im Rampenlicht des damaligen Literaturbetriebs stehenden Schriftstellern prägte deren in der Folgezeit entstanden Werke. Besonders in Montauk, Frischs persönlichstem Buch aus dem Jahr 1975, reflektiert der Autor sein Verhältnis zur Schriftstellerin. Frisch blieb nach dem Scheitern der Beziehung für weitere drei Jahre in Rom. Obwohl er nun mit der Studentin Marianne Oellers zusammenlebte, erfuhr der Autor in der Metropole immer wieder Momente grosser Einsamkeit. Er nahm die italienische Hauptstadt als eine Art Exil wahr. Das römische Klima hatte aber einen äusserst positiven Einfluss auf sein literarisches Schaffen: Mit den in Rom entstandenen Werken Andorra (1961) und Mein Name sei Gantenbein (1964) begann Frischs Weltruhm. Nach seiner Rückkehr aus Italien lebte er unter anderem zurückgezogen in seinem Refugium in Berzona, einer kleinen Gemeinde im wilden Valle Onsernone im Tessin, auf das ihn Alfred Andersch aufmerksam gemacht hatte. Das Tal liefert in der Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän (1979) den düsteren Schauplatz.

Frisch war nicht nur Verfasser von Dramen und Romanen, sondern engagierte sich auch politisch: Wiederholt veröffentlichte er zeitkritische Texte, in denen er sich mit der Mythologisierung der Schweizer Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzte. Ein prominentes Thema seines politischen Engagements war die Frage der italienischen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in der Schweiz. Im Vorwort des 1965 erschienenen Buches Siamo italiani, worin Alexander J. Seiler Gespräche mit italienischen Arbeitskräften in der Schweiz versammelte, machte Frisch den oft zitierten Ausspruch: «Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.» Ein Jahr nach Erscheinen des Buches wurde Frisch eingeladen, bei einem Treffen der Vereinigung der kantonalen Fremdenpolizeichefs einen Vortrag zu halten. Mit diesen beiden Texten, die später als Überfremdung I und Überfremdung II inSchweizer Wochenzeitungen und zusammen mit anderen politischen Ansprachen beim Suhrkamp Verlag abgedruckt wurden, erwies sich der Autor als differenzierter als der schwärmerische Betrachter Italiens aus der Nachkriegszeit. Seine Schilderungen über die Italienerinnen und Italiener in der Schweiz waren gleichzeitig eine Bestandesaufnahme eines Schweizer Charakterzuges, der von Verteidigungsmentalität und Angst vor dem Fremden und der Zukunft geprägt war.

Quellen

  • Annarosa Zweifel Azzone, «Man soll nicht von einem ganzen Volk reden! Nun tue ich es doch: ich liebe das italienische.» Zu Max Frischs Italienbild, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 211–225.
  • Beitrag zu Max Frisch im Historischen Lexikon der Schweiz, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011804/2012-04-13/ (4.7.2019).
  • Peter Rusterholz (Hg.), Schweizer Literaturgeschichte, Stuttgart: J.B. Metzler, 2007.
  • Beitrag zu Max Frisch auf Viceversa Literatur, https://www.viceversaliteratur.ch/author/7854 (4.7.2019).
  • Beitrag zu Max Frisch auf LeMO. Lebendiges Museum Online, https://www.hdg.de/lemo/biografie/max-frisch.html (4.7.2019).
  • Dieter Bachmann u.a. (Hg.), Max Frisch – ich lebe in Rom, der herrlichsten Stadt der Welt / vivo a Roma, la città la più bella del mondo: gli anni a Roma 1960-1965, Rom u.a.: Istituto svizzero, 2002.
  • Alexander J. Seiler, Siamo italiani. Die Italiener. Gespräche mit italienischen Arbeitern in der Schweiz, Zürich: EVZ, 1965.
  • https://www.nzz.ch/article86S5J-1.399033 (4.7.2019).
  • Ingeborg Gleichauf, Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit, München: Piper, 2013.
  • Bernadette Conrad, Sein letztes Refugium, in: Die Zeit (12.05.2011), https://www.zeit.de/2011/20/Max-Frisch-Berzona (4.7.2019).