Hermann Hesse

Der deutsch-schweizerische Schriftsteller Hermann Hesse (1877–1962) arbeitete nach seiner Ausbildung in Tübingen mehrere Jahre als Buchhändler und Antiquar in Basel, bis er sich 1904 für ein Leben als freier Autor entschied. Im selben Jahr heiratete er die Fotografin Maria «Mia» Bernoulli, mit der er drei Söhne hatte. Sein erster Roman Peter Camenzind erschien ebenfalls 1904 im S. Fischer Verlag. Hesse war Mitherausgeber der liberalen Zeitschrift März (1907–1912) und arbeitete während des Ersten Weltkrieges für die deutsche Kriegsgefangenenfürsorge. 1919 übersiedelte er nach einer seelischen Krise alleine in den Kanton Tessin, wo er seine bedeutendsten Werke schrieb und bis zum Lebensende lebte. 1924 erhielt der Autor die Schweizer Staatsbürgerschaft, 1946 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Mit seiner dritten Ehefrau Ninon liess sich Hesse in der von seinem Freund Hans Conrad Bodmer erbauten Casa Hesse in Montagnola nieder. Neben seiner dichterischen Tätigkeit wirkte der Autor auch als Maler. Stehen seine frühen Werke noch in der Tradition des 19. Jahrhunderts, so sind seine späteren, ihm Weltruhm verschaffenden Texte unter anderem von der Psychologie Carl Gustav Jungs (Demian 1919) und einer auf Reisen nach Indien kennengelernten Spiritualität (Siddharta 1922) geprägt. Viele seiner Texte enthalten autobiografische Anspielungen (Das Glasperlenspiel 1943u.a.).

Im Nachwort zur Zusammenstellung von Hesses Italientexten schreibt Volker Michels, Italien sei Hesses «bevorzugtes Reiseziel» gewesen (Volker Michels, Mit Hermann Hesse durch Italien, S. 501). Tatsächlich reiste der Schriftsteller zwischen 1901 und 1914 ungefähr jedes zweite Jahr für einige Wochen in das südliche Nachbarland. Er tat dies entweder in Begleitung seiner Ehefrau oder gemeinsam mit Freunden wie dem Maler Fritz Widmann, dem Musiker Othmar Schoeck oder dem Komponisten Fritz Brun. Seine erste Italienreise unternahm Hesse aber alleine: Nachdem er sich als junger Buchhandelsgehilfe in Basel die italienische Sprache selber beigebracht und sich intensiv mit Giovanni Boccaccio, Franz von Assisi, Leonardo da Vinci und der Kunst der Renaissance beschäftigt hatte, reiste er 1901 für mehrere Monate in Richtung Süden. In seinem Reisegepäck befand sich unter anderem Jacob Burckhardts Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. Diese Lektüre hatte in Hesse schon früh die Sehnsucht nach der italienischen Halbinsel geweckt. Bereits 1898 schrieb er in einem Brief an seine Eltern: «Auch ich kann diesem Heimweh nicht entrinnen, nach jenem Reichtum an Geist, Kunst, Witz, Schönheit, nach jenen merkwürdigen Städten, wo die höchste Staatskunst neben der höchsten humanistisch-künstlerischen Bildung blühte.» (Michels, Mit Hermann Hesse durch Italien, S. 502). Der Schriftsteller streifte auf seiner Reise meist zu Fuss durch die Toskana und durch Umbrien. Dabei sah er sich mit den Jahren immer weniger als Bildungsreisender, der möglichst viele Museen besuchen und neues Wissen anhäufen wollte, sondern folgte vielmehr seinen persönlichen Interessen und der Freude an der italienischen Lebensart. Hesse erlebte die regelmässigen Reisen in den Süden als eine Art «Befreiung vom Zweckleben» zuhause in der Schweiz (Michels, Mit Hermann Hesse durch Italien, S. 509).

Bereits in Hesses erstem Roman Peter Camenzind (1904), dessen Manuskript der Schriftsteller unmittelbar nach seiner zweiten Italienreise an den S. Fischer Verlag sandte, finden sich zahlreiche, auf eigenen Reiseerfahrungen beruhende italienische Motive. Auch Camenzinds Verehrung für Franz von Assisi enthält eine autobiografische Komponente. In ihr widerspiegelt sich die zeitspezifische Sehnsucht nach Naturnähe, Einfachheit in der Lebensführung, Ursprünglichkeit und einer neuen Spiritualität. Ebenfalls im Jahr 1904 verfasste Hesse zwei Monografien zu Assisi und Boccaccio, die allerdings später nie nachgedruckt wurden.
Aus dem aus literarischer Perspektive äusserst produktiven Jahr 1919, als der Autor  seine Familie hinter sich liess und einen Neubeginn im Tessin wagte, stammen die beiden Erzählungen Klein und Wagner und Klingsors letzter Sommer. In beiden Texten wird das bereits bei Goethe entworfene Narrativ von Flucht und Initiation im Süden weitergeschrieben, das auch Hesses Biografie prägte. Die Goethesche Selbsterfahrung wird in Hesses Italientexten literarisch erneuert.

Die Faszination für Italien hielt an: Auch die Erzählung Morgenlandfahrt aus dem Jahr 1932, eine enigmatische Geschichte über Orientierungsverlust und Vereinsamung, folgt verschiedenen Stationen auf dem Weg in Richtung Süden. Und der 1926 erstmals veröffentlichte und Ende der 1950er-Jahre neu aufgelegte Sammelband Bilderbuch fasst auf mehr als dreihundert Seiten Studien, Stimmungsbilder, Betrachtungen und Reiseerinnerungen über Länder und Regionen zusammen, die Hesse kannte und liebte – mit einem Fokus auf dem südlichen Nachbarland. Neben den erwähnten Prosatexten zeugen auch eine Vielzahl von Gedichten, diverse Reisetagebücher sowie Aquarelle von Hesses Begeisterung für Italien.

Quellen