Markus Werner

Der Ostschweizer Markus Werner (1944–2016) gab sein Debüt als Schriftsteller erst mit vierzig Jahren. 1984 erschien sein erster Roman Zündels Abgang. Zuvor arbeitete der promovierte Germanist als Gymnasiallehrer in Schaffhausen, ab 1990 lebte er als freier Autor in Opfertshofen. Werner veröffentlichte insgesamt sieben Romane: Nach Zündels Abgang folgten Froschnacht (1985), Die kalte Schulter (1989), Bis bald (1992), Festland (1996), Der ägyptische Heinrich (1999) und Am Hang (2004). Der Autor führt seine Romanhelden gerne in existentielle Grenzbereiche. Er erzählt von Menschen, die sich auf der Flucht vor beruflichen und gesellschaftlichen Zwängen befinden. In satirisch-lakonischem Stil beschreibt er, wie für die Hauptdarsteller seiner Romane Selbstverständliches zu Seltsamem wird und wie diese als Aussenseiter an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Sein mehrfach ausgezeichnetes Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Kurz vor seinem Tod verlieh die Stiftung Pro Litteris Werner den Preis für das Gesamtwerk. Die Jury ehrte ihn für seinen unverwechselbaren, einfachen und gleichzeitig hochpräzisen Stil.

Zündels Abgang (1984) spielt zu grossen Teilen in Italien. Werner, über dessen eigene Italienaufenthalte kaum etwas bekannt ist, begann während eines halbjährigen Urlaubs im Jahr 1979 am Roman zu schreiben. Es dauerte vier Jahre, bis das Debüt im österreichischen Residenz Verlag erschien und zu einem Bestseller wurde. Der Roman handelt von einem Schweizer Lehrer, der während der Sommerferien alleine für drei Wochen nach Genua reist, wo er sich ausschliesslich im heruntergekommenen Hafenviertel aufhält und die meiste Zeit im Alkoholrausch in Bars verbringt. Die Zeit in Genua markiert für die Hauptfigur den Beginn eines Zusammenbruchs und dramatischen «Abgangs». Mit Genua wählte der Autor nicht nur einen atypischen Schauplatz, der Roman kehrt auch das für die Italienerfahrung in der deutschen Literatur klassische Klischee der Selbstfindung um: So kommt sich Zündel im Hafenviertel Genuas immer mehr abhanden, bis er nach der Rückkehr in die Schweiz schliesslich spurlos verschwindet. Schmutz, Kriminalität und Prostitution im düsteren Hafen widerspiegeln den Seelenzustand des Protagonisten und stellen eine passende Kulisse für das heraufbeschworene Untergangsszenario dar. Vom Glanz der ehemaligen Seerepublik Genau ist in der personellen Erzählperspektive keine Rede. Auch die von Zündel besuchten Küstenorte Nervi und Portofino haben ihren einstigen Zauber verloren. Dass, wie in Zündels Abgang, Italiens Kehrseiten und die Probleme der Gegenwart thematisiert werden, war in den 1980er-Jahren eher ungewohnt und tendenziell skandalös. Doch Werner war mit seinem kritischen Italienbild nicht alleine. Ähnliche Tendenzen fanden sich bereits in Peter Schneiders Lenz (1979), in Peter Roseis Venedig-Krimi Wer war Edgar Allan (1977), in Rolf Dieter Brinkmanns furioser Abrechnung Rom, Blicke (1979) oder im Reisebuch Italien (1979) von Peter Kammerer und Ekkehart Krippendorff.

Auch in Werners 1996 erschienenem Roman Festland liefert Italien den Schauplatz. Nachdem die Hauptfigur Julia ihren Vater erstmals seit zwanzig Jahren wiedergesehen hat, macht sie sich auf den Weg in Richtung Süden, in die väterliche Ferienwohnung im oberitalienischen Orta San Giulio. Dort möchte sie nach der aufwühlenden Konfrontation mit der Vergangenheit die Geschehnisse verarbeiten und sich schreibend Klarheit verschaffen. Im Städtchen am Lago d’Orta im Piemont fand auch ihr Vater einst Ruhe und Besinnung.

Nicht in Italien, sondern im Tessin spielt Werners letzter Roman Am Hang (2004). Die beiden Protagonisten Clarin und Loos treffen sich an Pfingsten zufällig in der Nähe von Lugano und sprechen über die Liebe zu ihren Partnerinnen, die sich im Jahr zuvor beide im Kurhaus von Montagnola aufgehalten hatten. Im Vergleich zu Zündels Abgang sind die südlichen Schauplätze in Festland und Am Hang allerdings weniger symbolisch aufgeladen.

Quellen